Die Buchbranche: Seit 50 Jahren in der Krise?

Die alljährliche Frankfurter Buchmesse naht,die sich aktuell selbst als „weltweit größte Handelsmesse für Inhalte“* beschreibt – das Buch kommt da gar nicht mehr exklusiv vor. Das kann man bedauern – in den letzten Jahren werden wirtschaftliche Probleme von Verlagen und Buchhändlern ja gern auf die Abkehr vom gedruckten Buch und  „das Internet“ sowie „die Technik“ zurückgeführt.

In der Buchbranche wird gern die Vergangenheit verklärt. Da wurden gute Bücher gedruckt, die kluge Menschen kauften., lasen und debattierten. Aber steckt die Buchbranche wirklich erst seit diesem Jahrtausend in einer Krise? Oder befindet sie sich einfach in einem Wandel, der schon immer fester Bestandteil ihrer Identität war?

„Das Verhältnis von Erstauflagen und Neuauflagen hat sich von Jahr zu Jahr weiter zuungunsten der Neuauflagen verschoben. 1963 war es 80:20. Das heißt: die Überlebenschancen der Bücher nehmen zusehends ab.“ (Die Zeit 39/1964)

Ein Artikel aus der „Zeit“ zur 50 Jahre zurückliegenden Frankfurter Buchmesse 1964 liest sich erstaunlich aktuell: Die Chancen und Risiken von eReader, sozialen Medien, Online-Handel, (fehlendem) Digital Rights Management, content curation etc. werden hier schon mitgedacht:

„Das ersehnte Zeitalter der Weltliteratur, das Zeitalter, das allen alles zugänglich macht, wird auch die Zeit der wachsenden Ratlosigkeit des Lesers, der wachsenden Verwirrung, der wachsenden Ungerechtigkeit gegenüber dem Geschriebenen sein“ (Die Zeit 39/1964

Vom Versuch, diese Ungerechtigkeit gegenüber dem Geschriebenen auszugleichen, lebt die Buchbranche bestimmt noch eine ganze Weile, wenn auch manchmal unter Wehklagen.

 

* Zitat aus der Pressemeldung der Buchmesse zur Kooperation mit AirBNB vom 8.9.2014

 

eBooks, Taschenbücher und Verkaufsorte

29% der deutschen Buchleser nutzten im Herbst letzten Jahres eBooks (Quelle: BITKOM). Inzwischen dürfte die Zahl noch gestiegen sein. Das neue Format setzt sich durch, doch den Verkaufszahlen der eReader hilft das nicht unbedingt, denn neben dem Laptop oder Desktop-Rechner avanciert das Smartphone zum wichtigsten Lesegerät (siehe Grafik). Das offensichtliche: Smartphones ermöglichen nicht nur Lektüre immer und überall, sondern bietet auch den direkten Zugriff auf die Online-Verkaufsorte der eBooks.

Unkomplizierte Distribution war schon einmal ein Schlüssel zum Erfolg für eine neues Buchformat: Für Taschenbücher wurden seinerzeit andere Verkaufsorte als der klassische Buchhandel gefunden, um den Absatz zu erhöhen. Damals waren übrigens die Verlage sehr skeptisch, das Taschenbuch erschien nicht als vollwertiges Buch. Die haptische Erfahrung kam beim Taschenbuch viel zu kurz. Das kommt Ihnen bekannt vor?

Die Geschichte des (englischsprachigen) Taschenbuchs seit den 1930ern wird hier erzählt: „How Paperbacks transformed the way Americans read„. Es geht auch darum, mit welchen Maßnahmen Verlags damals erfolgreich im neuen Segment waren, und dass äußere Umstände (Wirtschaftskrise und Krieg) den Siegeszug des Taschenbuch begünstigten – ähnlich wie heute die technische Ausstattung der Leser

Quelle: http://www.bitkom.org/de/markt_statistik/64018_77541.aspx

Quelle: http://www.bitkom.org/files/documents/140307_e_Books.jpg

eBook und App als Konkurrenten

Der ganz große Umsatzzuwachs der Verlage durch Buch-Apps bleibt bislang ja leider aus. Warum eine Konzentration auf eBooks kurzsichtig ist, und Verlage lieber in Apps investieren sollten, begründet Alexander Trommen (APPSfactory GmbH) in einem lesenswerten Interview im Buchreport:

…die E-Book-Umsätze [werden] mittelfristig den Printumsatz kannibalisieren, während Apps als neue Produktgruppe bisher bei keinem Verlag Substitutionseffekte hervorgerufen haben. Insofern ist der Erfolg der E-Books im E-Publishing gleichzeitig auch ’süßes Gift‚“

Aktuell machen Buch-Apps 5,5% des Angebots in den App-Stores aus, eBooks werden immerhin schon von 20% der Deutschen genutzt. Was Apps besser können als eBooks, hat die Digital Book World zusammengefasst und mit einer anschaulichen Infografik (s.u.) versehen.

Sicher ist: Gut gemachte, individuelle Buch-Apps erfordern einen anderen Konzeptions- und Herstellungsaufwand, als Umsetzung eines Buchs als eBook. Die Integration der App-Entwicklung in den Verlags-Workflow erfordert zusätzlichen Aufwand: Einen Aufwand, der sich für die Verlage (noch?) nicht ausreichend in Gewinn ummünzen lässt.

Quelle: http://www.digitalbookworld.com/2014/five-myths-about-book-apps/?et_mid=664648&rid=245622715 (29.3.2014)

Quelle: http://www.digitalbookworld.com/2014/five-myths-about-book-apps/?et_mid=664648&rid=245622715 (29.3.2014)

 

Medien-Revolutionen

Wer sich um Medienwandel, Journalismus und zukunftsfähige Geschäftsmodelle von Nachrichten-Lieferanten Gedanken machen (muss), findet in diesen Artikeln Denkanstöße:

Journalisten, die danach bezahlt werden, wie oft ihr Artikel angeklickt wird – und die klare Anweisungen haben, wie viele Artikel pro Tag zu liefern sind, dass sie in Dialog mit den Lesern treten sollen, und dass sie den Anteil an Bild-/Video-Veröffentlichungen zu steigern haben. Nichts Neues? Anscheinend doch, denn ein internes Papier des Oregonian bewegt gerade die Gemüter. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir Nachrichten als Geschäftsmodell ansehen, fragt rhetorisch David Carr für die New York TImes, und hängt an seinen Artikel vorsichtshalber ein Katzenbild an. Gigacom,com bricht eine Lanze Leser-Interaktion.

Eine Medien-Revolution in Spanien ruft währenddessen der Guardian aus: Hier beutelt die schwere Wirtschaftskrise auch die großen Zeitungen.  Neben den Faktoren – sinkende Anzeigenerlöse, Verlagerung der Leserschaft von Print zu Online – spielt in Spanien auch der Vertrauensverlust in alteingesessene Institutionen eine Rolle. Der unabhängige Online-Journalismus gewinne an Bedeutung, weil hier die kritischeren Fragen gestellt werden und keine finanziellen Verflechtungen zu den Mächtigen im Lande bestünden, so der Guardian. Über 300 Online-Journalismus-Startups, oft aus der Not heraus von entlassenen Redakteuren oder Arbeit suchendem Nachwuchs gegründet, stellen kritischere Fragen als die traditionellen Zeitungen. Als Beispiele für erfolgreichen Online-Journalismus in Spanien werden im Artikel El Confidencial und eldiario.es genannt.

Prozessoptimiert lesen

Während wir gerade den Einfluss von eReadern und anderen mobilen Endgeräten auf die Lesepraxis verarbeiten und Prozesse und Workflows an die nicht mehr ganz neuen Formate und Bedürfnisse anpassen, entwickelt Spritz bereits eine neuartige Lese-App, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem gedruckten Buch mehr aufweist:

Die Worte erscheinen nacheinander, ausgerichtet an einer optischen Ideallinie. Das Auge  muss also nicht mehr wandern, und soll so schneller Inhalte erfassen können. Auge und Gehirn werden sozusagen von unnötiger Arbeit entlastet, jeder Mensch kann zum Schnell-Leser werden. Auf der Website von Spritz (Klick aufs Bild) kann schon mal getestet werden, wie sich verschiedene Lesegeschwindigkeiten anfühlen.

Screenshot 24.3.2014, http://www.spritzinc.com/

Screenshot 24.3.2014, http://www.spritzinc.com/

Der physische Prozess des Lesens wird prozessoptimiert. Ob bei breiter Durchsetzung der Technik auch ePub-Standards neu erfunden werden müssten? Verarbeitet die App beim Leser vorhandene Texte, oder müssen diese jeweils neu erworben werden? Für Fachlektüre scheint optimierte Lesegeschwindigkeit ja eine naheliegende Verbesserung, aber wie wirkt sich das auf die Augen aus?

Während Spritz noch in der Entwicklungsphase steckt, können mit Spreeder bereits längere Texte gelesen werden. Rasant.